Achim Freyer Drucken
»FREYER IN FREYBURG 
UND ANDERSWO«

Arbeiten auf Papier
von
Achim Freyer

Porträt Hilde Weiße, 1966


Ausstellung vom 11. Juli – 22. August 2010


Es war im Jahr 1965 in Berlin, als ich Achim Freyer zum ersten Mal begegnete. „Du kommst aus Freyburg“, sagte er, „ich kenne das Städtchen an der Unstrut, ich ging ja in Pforta zur Schule.“ „Wie Klopstock, Nietzsche und die anderen alle“, fragte ich. „Ja“, antwortete er und lachte. „Dann komm’ doch wieder ’mal vorbei. Wir wandern gemeinsam über die Rödelberge zu deinem alten Schul-Kloster!“ Und so geschah es. Im Sommer 1966 kam Freyer nach Freyburg. Wir zogen los: Zwei Maler mit Skizzenblock, Aquarellkasten und Wasserflasche – Vincent van Gogh war noch nicht vergessen! (vergl. Faltblätter W. Weiße „Ich war Goghist“ 1 u. 2, 2008/09) Wir malten die Landschaft an Saale und Unstrut und darüber hinaus und auch uns gegenseitig. Ich malte Achim stehend am kleinen Tisch auf der Terrasse der Priesdorff-Villa, in der wir damals wohnten. Achim porträtierte meine Frau Hilde ebenda. Unser verehrter Herr Geheimrat von Priesdorff sah uns wohlwollend dabei zu und stellte uns ein Gläschen Freyburger „Müller-Thurgau“ aufs Jugendstiltischchen.

Achim Freyer, 1966 (Foto: W. Weiße)

Das war beim ersten Aufenthalt Freyers in Freyburg. Und da die gegenseitige Sympathie auf wunderbare Weise uns nie verließ, folgten bis heute noch viele, ungezählte solcher Aufenthalte.

Im Jahr 1974 besuchte uns die kleine „Große alte Dame“ der ostberliner Subkultur-Szene, Die Malerin „und Dichterin“, wie sie selbst immer ergänzend betonte, Frau Dr. Charlotte E. Pauly. Freyer besaß in seiner schon damals bemerkenswerten Sammlung einige ihrer wunderbaren Arbeiten, die er mir voller Sammlerstolz zeigte. „Die Pauly“, wie sie achtungsvoll in Berliner Kunstkreisen genannt wurde, war in ihren frühen Jahren in Agnetendorf mit Gerhard Hauptmann bekannt, den sie auch porträtierte. Später in Ostberlin, sang Wolf Biermann sein Lied für sie: „Unsere gute, alte Charlotte“. Über ihr großes Lob zu Freyers frühem Bühnenbild zum „Barbier von Sevilla“, inszeniert von Ruth Berghaus 1968 an der Staatsoper Berlin, war Achim sehr glücklich. Ich zeigte Frau Dr. Pauly das von Achim Freyer gemalte Bildnis meiner Frau Hilde. Sie betrachtete es voll Interesse und sagte: „Ich wusste ja gar nicht, dass der Freyer auch richtig malen kann. Mir zeigte er nur immer diese merkwürdigen Streifenbilder.“

Freyburger Weinberge, 1967

Ja, es lässt sich nicht leugnen, dass Achim schon damals ein von uns allen bewunderter „Moderninski“ war und dieses nicht nur in seiner bei Bertold Brecht gelernten Theater-Kunst, mit der er inzwischen weltweit bekannt wurde (s. Vita), sondern eben auch in der Malerei, die – wie ich weiß – seinem Herzen am nächsten liegt.

Natürlich gab es auch Gegenbesuche eines Freyburgers in Berlin. Als ich 1967 die im gleichen Jahr entstandene Objekt-Montage „Individuum drehbar“ in Achims Atelier in der Dietendorferstraße 7 sah, war ich gleichermaßen verblüfft und begeistert. Diese eindrucksvolle Arbeit, die man auch als kritische Camouflage zu aktuellen Zeitzuständen verstehen konnte, wurde erstmals 1971 im Zentralinstitut für Kernforschung in Rossendorf bei Dresden einem elitären DDR-Publikum vorgestellt. Ein Jahr danach (1972) verließ Achim Freyer die DDR. Aber er verließ nicht uns. Unsere Freundschaft blieb! Sie bestätigte sich immer wieder – auch durch Briefe und Telefonate. Und als Freyer in den späten 80er Jahren wieder offiziell in die DDR einreisen durfte, war er bald wieder bei uns, in „seinem“, unserem Freyburg. Obwohl nun schon „arriviert“ und wie jeder gute Maler „inwendig voller Figur“, zog und zieht es ihn immer wieder in unsere „reale Erscheinungswelt“, um dann angeregt bald wieder „allwegs etwas Neues durch sein Werk auszugießen“ (A. Dürer, „Lob der Malerei“, 1512).

Tauwetter, 1966

Als ich 1988 mit dem Rentenalter auch die DDR-Reisemündigkeit erreichte, fuhr ich eingeladen zum Staatstheater nach Stuttgart. Dort inszenierte Achim Freyer seine szenische Neufassung der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass. Ich begleitete die Proben als zeichnender Gast und erlebte die Premiere. Im Oktober 1989 war ich (aus DDR-Sicht nicht ganz legal), mit Achim auf dessen Anwesen in Cerro Balestro in der Toskana. Wieder saßen wir zwei Maler gemeinsam vor den „Motiven“ und stellten fest: „Anmutige Hügel, Täler, Weinberge – nichts eigentlich Neues, alles wie bei uns in Freyburg! „Jetzt weißt du“, sagte Freyer, „warum der verehrte Max Klinger, der in seinem Großjenaer Weinberg bei Freyburg begraben liegt, unsere Landschaft an der Unstrut, die, Toskana des Nordens nannte!“

Als ich am 19. Oktober ‘89 wieder zu Hause ankam, war „Die Wende“ – fast unbemerkt von mir – vollzogen. Vieles hat sich danach verändert, im Großen und im Einzelnen, eines blieb: unsere Freundschaft mit Achim.

Walter Weiße

 

Im Schomburgkpark, 2004

 

ACHIM FREYER

1934 in Berlin geboren/1954-56 Meisterschüler für Bühnenbild bei Bertold Brecht an der Akademie der Künste/ab 1956 freischaffend als Maler tätig/1960 Malerpreis der Großen Berliner Kunstausstellung/1972 Übersiedlung nach West-Berlin/ab 1972 neben der freien Malerei Arbeit als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner/1975-77 begleitende Ausstellungen, Performances, Objekte mit Aktionen zur Theaterarbeit/ 1976 Berufung zum ordentlichen Professor an die Hochschule der Künste Berlin/Realisierung div. künstl. Gemeinschaftsarbeiten mit versch. Komponisten: Phil Glass, Dieter Schnebel, Reiner Bredemeyer u. a./1977 Beteiligung an der documenta 6 in Kassel/1979 Beteiligung an der Quadrinnale in Prag/1987 Beteiligung an der documenta 8 in Kassel/1989 Wahl zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin/1990 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse/1991 Gründung des Freyer-Ensembles, Filmregie zu MET AMOR PH OSEN/1994 Ausstellungen ADK Berlin, Bundeskunsthalle Bonn u. a. o./1998 Mitglied der Sächs. Akademie der Künste Dresden/1999 Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste/2001 Münchner Theaterpreis/2004 Bühnenbildpreis des Landes Hessen/2008-2010 Inszenierung „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner an der Los Angeles Opera.

 

Hügelland, 1988