Bodo Brzóska vom 2.09. bis 31.10.2012 Drucken

BETRETEN

„Dort, wo einst Otto…“ (bei Memleben), Acryl/Hartfaser, 80x60 cm

Romantische Reisebilder von Bodo Brzóska

Bodo Brzóskas Gemälde wirken still, unaufgeregt und nirgends aufdringlich. Ihre Farbigkeit ist gedämpft, mitunter eigentümlich stumpf. Der schweifende Blick erfasst Form- und Farbenzusammenspiele, die bis auf eine Ausnahme eher abstrakt erscheinen. Erst ruhiges und konzentriertes Betrachten erschließt uns eine Bildwelt, die uns tagtäglich umgibt, für deren So-geworden-Sein wir oft genug blind geworden sind. Keines der in dieser Ausstellung gezeigten Gemälde ist Phantasterei, jedes lässt sich sogar exakt verorten. Seine Motive fand B.B. während seiner Reisen. Was er allerorts aufzuspüren vermochte und unermüdlich skizzierend bannte – meist auf „spielkartengroßem bis briefmarkenkleinem“ Karton -, war jene verbliebene Veränderung, die von äußeren Einwirkungen zeugen, wie Abrieb, Erosion, Verschleiß, Beschädigung. Spuren, die mit Füßen „Betretenes“, „Getretenes“ verraten. „Allerweltsspuren“ wohl für die meisten, nicht so für Bodo Brzóska.  Er entdeckt die dem „Allerweltsblick“ längst entschwundene Einzelheit in ihrer ästhetischen Eigenart. Für ihn sind solcherart Gebrauchsspuren anregend. In ihnen sieht er zugleich stille Sinnzeichen unaufhörlichen Vergehens, die er als „verborgenen“, „untergründigen“ Vanitasverweis in seiner Malerei aufgehoben und verstanden wissen will. Er sieht sich im Einklang mit „Romantisieren“ im Sinne von Novalis, der erklärte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Aussehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten gebe, so romantisiere ich es“. So gesehen, besitzen seine gemalten, hier ausgestellten „Reiseeindrücke“ durchaus einen „romantischen“ Bezug, wenn auch mit gewissem Augenzwinkern. Zwischen Skizzieren vor Ort und malerischer Ausführung im Atelier schiebt sich der eigentliche Schaffensprozess. Das ursprünglich Gesehene unterliegt nunmehr rein bildkünstlerischen Erwägungen. Vordergründig beschäftigen ihn dabei Fragen der Formgebung und Gestaltfindung. Ziel ist aber der eigenständige, malerische Bildausdruck. Das Untermischen von feinkörnigem Sand, der mitunter authentisches Reisemitbringsel ist, in die zum Malen von ihm vorzugsweise verwendete Acrylfarbe hinterlässt  ein dünnschichtiges Quarzschimmern in den jeweiligen Gemäldepartien. Eine weitere Gemeinsamkeit dieser „Spurenbilder“ ist der ästhetisch fein ausgesponnene Kontrast des Gegenständlichen: Geradlinig trifft auf Krummliniges, Weiches versus Hartes, Glattes stößt auf Raues, Amorphes hebt sich von Festgefügtem ab. Mit obzessiver Akribie arbeitet B.B. am dingbetont Gegensätzlichen. Und doch mündet seine zeichnerische Präzision nicht im Augen täuschendem  Illussionismus. Auch die Überhöhung ins Magisch-Realistische vermeidet er. Eher konzentriert er sich auf das sachlich Gegebene, das er ganz bewusst dem subjektiven Wahrnehmen des Betrachters aussetzt. Allein der Bildbetrachtende soll über das konkret Formgegebene des Gemäldes hinaus eigene Erinnerungs- und Vorstellungsverknüpfungen wecken. Wenn Malen als ein „meditatives Sichversenken“  aufgefasst werden kann, dann gilt das in gleicher Weise für die Bildinterpretation. „Das Interpretierbarsein des Bildes ist gleichsam sein verborgener doppelter Boden“. Fragen nach der Sinnhaftigkeit wie Bedrohung unseres Seins beantworten seine Bilder nicht, wohl aber die danach, wie sehr verletzbar unsere Mitwelt eigentlich ist. Vom Gewesenen bleiben nur noch Spuren zurück, und selbst sie vergehen. Es sei, so B. B.,  ein „Gestaltwandel bei ständig neuer Gegenwart“. Was hier noch einen Wirklichkeitsbezug besitzt, wird im Bild minimalistische Formspielerei. Auch eine andere Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Sujet des „Vergehens“ findet sich unter den Ausstellungsbildern. In „Gedenken an Nino“, an den Maler Otto Niemeyer-Holstein, entstand das Gemälde von der mit Eisschollen überzogenen Ostsee am Lütten Ort auf Usedom. Alles ist auch in diesem Bild künstlerisch verdichtetes Eigenerlebnis, keine Erfindung. Dass sein Ostseestück Reminiszenzen an Caspar David Friedrich und Otto Niemeyer-Holstein aufkommen lässt, dürfte  gewollt sein, denn beide Maler schätzt B.B. besonders. Private Besuche festigten seine freundschaftliche Bande mit dem „Altmeister der norddeutschen Landschaftsmalerei“. Allein formal heben sich die Zitatentafeln „Sprünge“ von den übrigen hier vorgestellten Werken ab. Zusammengesetzt aus sieben mal sieben kleinen Bildquadraten sind wörtliche Zitate aus sechs Jahrtausenden vereint, darunter welche, die mit Reisen verbunden sind.  Die Bildrückseite birgt den genauen Wortlaut. Auswahl und Anordnung der Zitate unterlag vorrangig formal-ästhetischen Überlegungen. Von Keilschrift bis Graffiti, von Blindenschrift bis zur chinesischen bzw. japanischen Zeichenschrift. Alle neunundvierzig Platten sind gesprungen, dem Vergänglichen des Materiellen anheimgefallen. Akribische Präzision der Feinmalerei erschwert dem Auge das Unterscheiden zwischen dargestellter und wirklich greifbarer Gegenständlichkeit. Das Suggestive der täuschend echt gemalten Steintafeln ist enorm. Trompe l’œl oder Quodlibet wird diese äußerst geschickte, reale Räumlichkeit und dinghafte Körperlichkeit vortäuschende Malerei genannt.

Michael Stuhr

„Heldenplatz“ (Wien), Acryl/Hartfaser, 60x80 cm

„und sogar hier“ (San Marco, Venedig), Acryl/Hartfaser, 60x80 cm

„Hilligenley“ (Hallig Langeness), Acryl/Leinwand, 60x80 cm

„S. Polo“ (Venedig), Acryl/Hartfaser, 60x80 cm

„… und auch schon Heinrich…“ (Unstrut-Tal), Acryl/Hartfaser, 60x80 cm